Der Magier und seine Welt(en)

Die Bedeutung und Verwendung der Begriffe "Magie", "Magier" und "magisch" ist – je nach Perspektive und Kontext – sehr unterschiedlich. Man spricht z.B. von magischen Glaubensvorstellungen und Handlungen, von magischen Gegenständen, von der Magie, die von einer Situation ausgeht oder die den Verlauf einer Situation prägt ("da muss Magie im Spiel gewesen sein"), von magischer Heilwirkung. Der charismatische Konzertpianist wird in seiner außergewöhnlichen Beherrschung seines Instruments und der Fähigkeit, mit seinem Vortrag Stimmungen zu erzeugen, ebenso als Magier bezeichnet wie der Bühnenillusionist, der mit seiner "Zaubervorstellung" das Publikum fasziniert und rätseln lässt. Darüber hinaus gibt es die Figur des Magiers, der man die Beschäftigung mit okkulten Kräften nachsagt. Diese letztgenannte Bestimmung beschreibt den Gegenstand der Feldstudie, die im Zeitraum von 2004-2007 durchgeführt wurde.

Ziel war es, einen Überblick über aktuelle, im deutschsprachigen Raum vorfindbare Praktiken und die hinter ihnen stehenden Denksysteme zu verschaffen. Dazu wurden Darstellungen in entsprechender Literatur und auf Internetseiten analysiert. Das Hauptziel der Untersuchung lag allerdings in der Erhebung und Auswertung von ausführlichen themenzentrierten Einzelinterviews mit praktizierenden Magierinnen und Magiern. Thematische Schwerpunkte dieser Interviews waren:

Elf magisch praktizierende Personen wurden als Gesprächspartner gewonnen. Die Bandbreite der vertretenen magischen Richtungen war recht groß und reichte von Vertretern weißmagischer Orden ("Servants of the Light") mit einem Schwerpunkt auf Ritualmagie bis zu Mitgliedern von satanischen Orden ("Current of Seth"). Bei den meisten Interviewpartnern handelte es sich um Personen mit einer langjährigen magischen Praxis; manche von ihnen können als Schlüsselfiguren der deutschsprachigen magischen Szene angesehen werden.

Ein zentraler Befund der Untersuchung besteht darin, dass man keine typische Magierpersönlichkeit feststellen kann. Gemeinsame Merkmale der "Magierinnen" und "Magier" sind ein starker Individualismus, frühe Auseinandersetzungen mit weltanschaulich-philosophischen Fragestellungen, tendenziell altersunübliche Interessen während der Jugend, ein Moment der Rebellion und Nichtanpassung (in unterschiedlichster Form und Ausprägung) sowie eine Faszination am "Lebenshintergründigen", an den Grenzbereichen des Lebens und den "dunkleren Seiten" der Existenz. Eine bedeutsame Rolle spielen auch subjektive Evidenzerlebnisse von Ereignissen und Erfahrungen, bei denen herkömmliche naturwissenschaftliche Erklärungsansätze unzureichend erscheinen.

Aus einer differentialpsychologischen Perspektive heraus konnte eine Dimensionierung der magischen Persönlichkeit vorgenommen werden. Mit der daraus abgeleiteten Heuristik ist es möglich, die unterschiedlichen Ansätze und Motivstrukturen, unter denen die magische Praxis steht, zu verorten. Es wurden fünf typisierte Aspekte der Figur des Magiers herausgearbeitet, die als sich wechselseitig nicht ausschließende Orientierungen menschlichen Agierens zu verstehen sind und zur magischen Praxis als Handlungsform führen können: 1) Der Magier als Künstler, 2) der Magier als Sozialutopist, 3) der Magier als Wissenschaftler, 4) der Magier als "fully functioning person" und 5) der Magier als Weisheitssucher.

Projektleiter: PD Dr. Michael Schetsche

Bearbeiter: Dr. Gerhard Mayer

 

Publikationen:

Mayer, G. (2012). Magier des 21. Jahrhunderts. Ein Versuch der Dimensionierung der Persönlichkeit des Magiers. In M. Schetsche und K. Krebber (Hg.), Grenzpatrouillen. Sozialwissenschaftliche Forschung zu außergewöhnlichen Erfahrungen und Phänomenen (S. 133-165). Berlin: Logos.

Mayer, Gerhard (2008): Arkane Welten. Biografien, Erfahrungen und Praktiken zeitgenössischer Magier. Würzburg: Ergon.

Mayer, Gerhard (2008). Die Bedeutung von Tradition und Geheimnis für praktizierende Magier des 21. Jahrhunderts: Ergebnisse einer Interviewstudie. Aries, 8 (2), S. 117-138.

Mayer, G. (2009). Magicians of the 21st Century. An Attempt at Dimensioning the Magician's Personality. Magic, Ritual, and Witchcraft, 4(2), 176-206.

Mayer, Gerhard (2010). Moderne magische Praxis. Modelle - Techniken - Schulen. Grenzgebiete der Wissenschaft, 59(2), 99-134.

© 2007 IGPP  (impressum) Stand: 22.06.2012