Praxis und Problematik der Kriminaltelepathie vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart
Ziel dieses Kooperationsprojektsprojekts mit der Abteilung Empirische Kultur- und Sozialforschung ist die historische und phänomenologische Rekonstruktion der Konfrontation und Kooperation von so genannten Kriminaltelepathen und anderen Medien mit den Strafverfolgungsbehörden in Deutschland vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.
Das Gesamtprojekt tritt mit folgenden Leitfragen an:
- Wie gestaltete sich das Spannungsfeld von Kooperation und Konfrontation zwischen ‚Medien' und Strafverfolgungsbehörden und welche Rolle spielten die einzelnen Protagonisten in ihrer jeweiligen Biographie dabei?
- Welche positiven und welche negativen Auswirkungen hatte die Involvierung von Kriminaltelepathen und anderen Medien auf die polizeilichen Ermittlungen in spektakulären Kriminalfällen?
- Wie hat sich der praktische Umgang der Strafverfolgungsbehörden mit Kriminaltelepathen im zwanzigsten Jahrhundert gewandelt und welche Rolle spielen kriminalpolitische Einflussfaktoren im Kontext des politischen Systemwechsels?
- Welche Übereinstimmungen und welche Differenzen gab es beim Einsatz von Kriminaltelepathen zwischen kriminalpolitischen bzw. juristischen Grundsätzen und polizeipraktischen Erfordernissen?
- Wie hat sich die expertische und polizeipraktische Beurteilung des Einsatzes von Kriminaltelepathen in der Verbrechensaufklärung usw. in Deutschland im 20. Jahrhundert verändert?
- Welchen Einfluss hatte und hat der Diskurs über Kriminaltelepathie auf das Selbstverständnis des wissenschaftlichen Okkultismus und der Parapsychologie?
- Wie wandelten sich die Erwartungen von Öffentlichkeit und staatlichen Akteuren und welche Faktoren waren entscheidend für Ablehnung bzw. Akzeptanz eines entsprechenden Einsatzes?
Das erste Teilprojekt untersucht die historischen Entwicklungslinien der Praxis der Kriminaltelepathie seit etwa 1880 bis 1980. Die besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Verläufen einzelner spektakulärer Fälle sowie dem Wirken prominenter Kriminaltelepathen. Eine erste Projektphase umfasst zwei Bereiche: Als Fundierung werden neben der systematischen Erfassung der zeitgenössischen Literatur verschiedene relevante Archivbestände eingehender erschlossen und gesichtet. Zum einen ist hier der im IGPP aufbewahrte Teilnachlass des Potsdamer Juristen Albert Hellwig (1880-1951) von Bedeutung. Hellwig gilt als genauer Beobachter der Kriminaltelepathie in den 1920er und 1930er Jahren und hat umfangreiche Sammlungen hierzu hinterlassen. Zudem werden die eigenen Akten des IGPP aus der Nachkriegszeit zu diesem Themenfeld aufgearbeitet, die vor allem die Zusammenarbeit von Hans Bender mit den Kriminalbehörden aufzeigen. Zum anderen sollen gemeinsam mit externen Kooperationspartnern aus der Geschichtswissenschaft einschlägige Fallbeispiele aus unterschiedlichen Zeitabschnitten im Rahmen von Magisterarbeiten vergleichend untersucht werden. Auf diesen Archivarbeiten und Vorstudien basierend ist das längerfristige Ziel die Erarbeitung einer Gesamtgeschichte der Kriminaltelepathie im 20. Jahrhundert.
Im zweiten Teilprojekt, das von der Abteilung Empirische Kultur- und Sozialforschung betreut wird, geht es um die Rekonstruktion aktueller Fälle der Zusammenarbeit zwischen Medien und Strafverfolgungsbehörden sowie um die öffentliche Wahrnehmung der Rolle von Kriminaltelepathen bei der Verbrechensaufklärung.
Projektleitung: Michael Schetsche / Eberhard Bauer
Koordination historisches Teilprojekt: Uwe Schellinger
Kontakt: schellinger@igpp.de
Projektzeitraum: Juli 2006 bis Dezember 2009
Ein Abschlussbericht wurde am 3.2.2010 vorgelegt.
Das historische Teilprojekt wird als Promotionsvorhaben weitergeführt und ist Teil des DFG-geförderten Forschungsverbundes "Gesellschaftliche Innovation durch nichthegemoniale Wissensproduktion. Okkulte Phänomene zwischen Mediengeschichte, Kulturtransfer und Wissenschaft 1770 bis 1970."
Abschlussarbeiten und bisherige Veröffentlichungen:
Doris Dobranic: Hellseher im Dienste der Verbrechensaufklärung. Ermittlungsbehörden und Kriminaltelepathen zwischen Kooperation und Konfrontation, 2 Teile, Diplomarbeit Universität Hamburg 2007.
Michael Schetsche/Uwe Schellinger: "Psychic detectives" auch in Deutschland? Hellseher und polizeiliche Ermittlungsarbeit. In: Die Kriminalpolizei 25 (2007) Nr. 4, 142-146.
Mirja Huhn: Paranormale Verbrechensaufklärung in fiktionalen Fernsehserien - eine medienpsychologische Studie, Diplomarbeit Universität Freiburg 2007.
Jessica Scherneck: Hellseher und Polizei in den 1920er Jahren. Das Österreichische Institut für kriminaltelepathische Forschung, Magisterarbeit Universität Freiburg 2008.
Steffen Böhm: Der Prozess Else Günther-Geffers und die Debatte um die Wissenschaftlichkeit "paranormaler" Phänomene, Magisterarbeit Humboldt-Universität zu Berlin 2009.
Sebastian Brandt: Der Hellseher von Bernburg. Der Prozess gegen den Kriminaltelepathen August Christian Drost, Magisterarbeit Universität Freiburg 2009.
Uwe Schellinger: Trancemedien und Verbrechensaufklärung: Die 'Kriminaltelepathie' in der Weimarer Republik, in: Marcus Hahn/Erhard Schüttpelz (Hg.): Trancemedien und Neue Medien um 1900. Ein anderer Blick auf die Moderne. Bielefeld 2009, 311-339.
Silke Zimmermann: "Der Gerichtshof getraut sich nicht zu entscheiden, wo die Wissenschaft noch nicht entschieden hat." Der Hellseherprozess gegen Hermann Steinschneider in Böhmen in den späten 1920er Jahren. Magisterarbeit Universität Freiburg 2009.


